Chronik 1876 - 1897

1876-1918   Pfarrer August Baack

Der Sohn eines Seilermeisters aus Arendsee studierte, wie auch die anderen drei Brüder, Theologie. Einer wurde Gymnasiallehrer, die anderen alle Pfarrer. August Baack übernahm 28-jährig die Pfarrstelle von Heiligensee, Niederneuendorf und Hennigsdorf. 1880 heiratete er die 20-jährige Tochter des Superintendenten aus Altenplathow. Sechs Kinder wurden dem Paar geboren; die jüngste Tochter, Maria Magdalena, starb mit einem Jahr an Lungenentzündung. Pfarrer Baack starb 1818 in Heiligensee; seine Frau 20 Jahre später in Berlin, wurde aber in Heiligensee beigesetzt. Ein Sohn war Zahnarzt in Tegel. Das Pfarrehepaar lebte zu einer Zeit in Heiligensee, die durch zunehmenden Wohlstand von Dorf und Kirche geprägt war, aber durch den 1. Weltkrieg ein Ende fand.

1877   Zwei Haveldörfer

Trinius beschreibt vor 100 Jahren die Haveldörfer Heiligensee und Niederneuendorf als zwei echte Haveldörfer, beschaulich liegend am Ufer des melancholischen Stroms. Die rotgedeckten Häuser und Wiesen grüßen sich über die langsamen breiten Wellen des Flusses. Nur die Fähre bringt Betriebsamkeit in dieses ruhige Schauspiel der Natur. Vieles von dieser zauberhaften Ruhe kann man heute noch in Heiligensee spüren.

1878   Balgentreter und Windmacher

Jede der drei Haveldorfkirchen besaß seit den dreißiger Jahren eine Orgel. Die Hennigsdorfer erwarben sie aus Gemeindemitteln, Heiligensee und Niederneuendorf durch Spenden angrenzender Gutsbesitzer. Es gab in Heiligensee allerdings niemanden, der die Orgel spielen konnte. Erst Lehrer Lademann war auch als Organist ausgebildet. Das Balgentreten übernahmen die Vorkonfirmanden. Bis zur Elektrifizierung 1936 versah die Küsterin Frau Meffert den Dienst des Windmachers. Ohne den war ein Gottesdienst oder eine Hochzeit nicht vorstellbar.

1880   Vom Eierstreit, Sonntagsheiligung und Kronenjungfer

500 Einwohner zählte das Dorf 1880 einschließlich der ersten Siedler von Konradshöhe, Tegelort, Sandhausen und Schulzendorf. 1000 Einwohner waren es Ende des Jahrhunderts. Mehrere Kaufleute waren hier ansässig, so die Handelsmänner Kurth und Neye, Der Bäckermeister Ziekow, der Dorfschmied, der Schlosser und Metalldreher, Bauern nannten sich jetzt "Bauerngutsbesitzer", Fritz Bergemann und Fritz Bartel nannten sich "Oekonom". Von den Zugezogenen wurden alte kirchliche Rechte auf Naturalabgaben bestritten. Der sogenannte "Eierprozess" zwischen der Dorfkirche und der Familie Müller-Geduld aus Tegelort währte jahrelang; es ging um die Abgabe von fünf Eiern. Es wurden im Dorf Abkommen zur Einhaltung der Sonntagsruhe getroffen. Zum Beispiel durften während des Gottesdienstes die Schweine nicht mit Hornstoß und Hallo ausgetrieben werden. Erst am Nachmittag durfte zum Tanzvergnügen angeblasen werden. Erntedank wurde zwei Tage lang gefeiert, mit Kapelle, Krone und Kronenjungfer, Erntespruch und Vivatruf, Ernteschnaps und Erntetanz.

1885   Heiligenseer Schützenhaus

1890-93 entstand das Schützenhaus durch den Bauer August Bergemann, der das Grundstück erworben hatte, um dort eine Gaststätte zu errichten. 1912 kam ein großer Saal mit Stuckgirlanden hinzu. Die Schießstände des Schützenvereins (1890 gegründet) lagen auf der anderen Straßenseite. Das Königsschießen war im Juni, das Vogelschießen im September. Schützenkönig wurde der Beste. Der musste eine Tonne Bier ausgeben zum Schützenfest, dass drei Tage dauerte. Die Berliner schätzten das Schützenhaus sehr, hatte es doch eine Kegelbahn und bot den Familien die Möglichkeit, Kaffee zu kochen und die Spezialitäten des Hauses wie Landbrot, Schinken und Wurst zu probieren. Denn Vater Bergemann kochte, schlachtete und räucherte selbst. Und: das Heiligenseer Schützenhaus hatte einen eigenen Telefonanschluß, das über das Amt Tegel unter der Rufnummer "7" zu erreichen war.

1890-1891   Otto Joers und Paul Eichborn

Otto Joers war ein Berliner Hutmacher, der den Heiligenseern 1891 Land in Tegelort abkaufte und parzellierte, bebaut oder unbebaut weiterverkaufte. Eine Straße in Tegel ist nach ihm benannt. Es gab viele andere Landkäufer und -verkäufer, von denen jedoch nichts weiter bekannt ist. Mehr weiß man über Paul Eichborn. Für seinen ältesten Sohn Karl kaufte er 1890 eine Bauernwirtschaft in Heiligensee. Er kannte das Dorf, das er als Berliner Sommergast schätzen gelernt hatte. 1900 siedelte er gänzlich nach Heiligensee über und lebte hier bis zu seinem Tode. Paul Eichborn war in Heiligensee geliebt und geschätzt, hatte hier viele gute Freunde. In seinen vielen Ehrenämtern wurde ihm das Vertrauen als Gemeindevorsteher, Standesbeamter, Gemeindeschöffe und Kirchenältester entgegengebracht. Er war Mitglied des Schützenvereins und des Kriegervereins, den er gegründet hatte, da er selbst auch Teilnehmer des Deutsch-Französischen- Krieges 1870/71 war. Er erinnerte sich gern an seine Jugendzeit. Sein Vater, ein Graveurmeister, ermöglichte ihm den Besuch des Dorotheenstädtischen Realgymnasiums. Er war Mitglied des Domchores und durfte als solches an der Krönungsfeier König Wilhelm I. in Königsberg teilnehmen. Beruflich hat er sich in einer Berliner Papierfabrik vom Lehrling zum Geschäftsführer emporgearbeitet und war noch in seinem Ruhestand Aufsichtsratsvorsitzender.

1893   "Wat bruken wi ne isern Bahne..."

1,5 Millionen Einwohner hatte Berlin nun. Straßen wurden ausgebaut (Müllerstraße, Ruppiner Bierweg). Borsig produzierte Lokomotiven. Die Preußische Staatsbahn wurde erweitert. Die Kremmener Vorortbahn (heute S-Bahn) fuhr seit Dezember 1893, eingleisig noch und ohne Bahndamm. Vom Stettiner Vorortbahnhof kam man über die Bahnhöfe Schönholz, Tegel, Schulzendorf, Heiligensee, Hennigsdorf, Velten und Kremmen. Die Heiligenseer lehnten einen Bahnhof in unmittelbarer Dorfnähe ab: "Wat bruken wi ne isern Bahne, wi hebb'n jo Perd und Wahne." Die Grundstückspreise kletterten nach Beendigung des Bahnbaus. Zwei Sägewerke und eine zweite chemische Fabrik wurden gebaut; am Bahnhof Schulzendorf eröffnete der Destillateur Seering das Restaurant "Hubertus". 1922 verschwanden dann auch die Bahnschranken mit der Aufschüttung des S-Bahn-Dammes. Brücken führten nun über die Schulzendorfer und Hennigsdorfer Straße.

1895   Dorfschullehrer Dürre

Der junge Dorfschullehrer Dürre war als unbeherrscht und aufbrausend bekannt, so vertrat er die modernen Anschauungen und brachte somit das Dorf gegen sich auf. Die Differenzen zwischen Pfarrer und Lehrer, der zugleich auch Küster und Organist war, die wachsende Schülerzahl, die Baufälligkeit und zunehmende Beengtheit des Schulhauses führten 1895 zu seiner Versetzung nach Grünau. "Im Interesse des Dienstes", so lautete das Urteil aus einem gerichtlichen Streit des Pfarrers gegen den Dorfschullehrer, dem man "unerhörte, die Sittlichkeit gefährdende Schamlosigkeit eines Lehrers unwürdig" vorwarf. Sieben Jahre vorher hatte alles recht gut angefangen, als Max Dürre mit seiner Frau Emma aus Pichelsdorf ins Heiligenseer Schulhaus eingezogen war. Zwei Söhne hatte das Ehepaar. Max Dürre sorgte dafür, dass die Orgel erneuert und vergrößert wurde. Nachfolger von Lehrer Dürre wurde Lehrer Schütze, der aus Reichwalde bei Storkow kam und 1896 seinen Dienst in Heiligensee antrat.

1896   Alte Schule - neue Schule

Das alte Küster- und Schulhaus mit nur einem Klassenzimmer war baufällig geworden. 150 Jahre war es alt; es regnete durch, die Wände waren durchlässig, im Winter lag manchmal Schnee auf dem Bett des Lehrers, die Dachbalken waren morsch, der Zusammensturz drohte. Trotz Heizens blieb das Haus kalt. Das Land hatte kein Geld für die Sanierung; die durch Landverkauf reich gewordenen Bauern konnten dazu nicht herangezogen werden. 1896 jedoch brachte die Gemeinde durch den Verkauf von Küsterland 20.000,- Mark zusammen und konnte so das neue Schulhaus neben dem alten bauen. Der Grundstein wurde im Mai gelegt, aber erst im November wurde das neue Haus mit 2 Klassenzimmern und Lehrerwohnung fertig. Der Bau wurde von Regierungsbaumeiser Jaffé abgenommen. Der Heiligenseer Tischlermeister Horn konnte dann mit der Fertigung und Aufstellung der Bänke, Tische, Katheder und Wandtafeln beginnen. Lehrer Schütze zog mit seiner Frau und den sieben Kindern von der alten in die neue Lehrerwohnung. Der Schulbetrieb im neuen Schulhaus begann am 5. November. Im Sommer fand hier der Unterricht von 7-12 Uhr statt, im Winter von 8-13 Uhr. Die Sommer- und Kartoffelferien im Herbst dauerten 3 Wochen. Lehrer Schütze galt es strenger, aber guter Lehrer. Er wurde 93 Jahre alt. Er wohnte nach seiner Pensionierung in Hohenneuendorf, dann in Hermsdorf. Später wurde das Schulgebäude aufgestockt, erhielt einen separaten Aufgang, Treppen und 2 zusätzliche Klassenzimmer. Es diente nach der Trennung von Kirche und Schule die Küster- und Lehrerwohnung zur Unterbringung von Organisten und Rendaten der Kirchengemeinde. Nach dem Schulneubau 1976 in der Schulzendorfer Straße wurde aus der Dorfschule eine Kunstausbildungsstätte.

1897   Der See

Der Heiligensee ist 350.000 m² groß und 8-9 m tief. Am Westende liegt das Dorf, im Süden der schmale Verbindungsgraben zur Havel. Sumpf, Schilf und Erlenbruch ziehen sich östlich entlang und bieten einer Fülle verschiedenster Vogelarten Nahrung und Brutplätze. Der Heiligensee hat die weitaus beste Wasserqualität aller Berliner Gewässer. Der See, von Sagen umwoben, entstand, ebenso wie die Havelrinne und die Aufwellung des Dünengeländes, vor mehr als 50.000 Jahren. 1897 erst wurde die Grenze zwischen See und Anliegern durch die Landverkäufe gerichtlich festgelegt.