Chronik 1803 - 1824

1803-1817   Pfarrer Friedrich Wilhelm Bleibefromm Böhme

Für die Heiligenseer waren diese Jahre schwere Zeiten. 1806 besetzte Napoleon Berlin. Friedrich Wilhelm III. und Königin Luise flohen nach Königsberg. In Tegel und Heiligensee waren französische Truppen einquartiert. Alles, was zum Leben benötigt wurde, hat man als Kriegskontribution eingezogen. Nach der Niederlage in Russland kamen Kosaken nach Berlin und Tegel. Die Gegend wurde unsicher. Die deutschen Freiheitskriege begannen. 1816 wird von der Abhaltung eines Friedensfestes berichtet, woraufhin für die Dorfkirche ein gläserner Kronleuchter gestiftet wurde. Von 1803-1817 ist Pfarrer Friedrich Wilhelm Bleibefromm Böhme Pfarrer in Heiligensee, Niederneuendorf und Hennigsdorf. Ein neues Kirchenbuch wurde geführt, neu war auch die statistische Erfassung von Abendmahlsgästen. Es gibt eine erste vollständige Einwohnerliste von Heiligensee und Schulzendorf. Der Pfarrer wurde nur 47 Jahre alt. 1817 starb er an einem Schlaganfall und hinterließ seine 2. Ehefrau mit 7 unmündigen Kindern (seine erste Frau war 3 Jahre vorher verstorben).

1803-1805   Die ersten Jahre Pfarrer Böhmes in Heiligensees

Pfarrer Böhme heiratet 30-jährig, sie ist 19-jährig. Neu-Schadow war ihre erste Pfarrstelle. 1803 zogen sie ins Heiligenseer Pfarrhaus. Kurz darauf wurde das 3. Kind geboren. Es war wieder Leben im Pfarrhaus (Pfarrer Protz war unverheiratet). Die Pfarrersleute lebten sich hier schnell ein, was man auch an den Patennamen ersehen kann. Gleichzeitig waren sie mit höhergestellten Persönlichkeiten aus Berlin befreundet. Im Pfarrhaus wurde auch musiziert und gesungen. 1805 wurde das 4. Kind geboren.

1806   Ungebetene Gäste

Die Franzosen eroberten Berlin und Umgebung. Im November kamen auch die ersten Einquartierungen nach Heiligensee. 2-3 französische Soldaten pro Haus und 5-7 Pferde auf dem Hof, die alle gut verpflegt werden mussten. Der Verlust an Vorräten war groß. Bis 1811 belief er sich in Heiligensee auf 30.000 Taler. Die Verlustzahlen der einzelnen Höfe und Häuser stehen auf einer Liste, aber die von den Franzosen ausgeschriebenen "Bons" konnten in den Rauch geschrieben werden.

1809   Konfirmation

Es gab 1809 im Dorf 4 Konfirmanden (2 Jungen, 2 Mädchen). Auch in den nachfolgenden Jahren waren es nicht mehr. Es wurde zur Zeit der Besetzung durch Napoleon nicht viel gefeiert. Lebensmittel waren knapp und teuer. Eine der Konfirmandinnen war Anne Dorothee Haselow. Ihre Tochter, Anne Dorothee Christian heiratete den Sohn des damaligen Dorfschulzen Johann Friedrich Löper. 1857, beim Tod des Stiefvaters, wurde der Gemeinde die schöne alte Altarbibel gestiftet.

1812   Pommerscher Adel in Schulzendorf - Johanne von Kleist

Aus einem Kleistschen Urkundenbuch erfahren wir, dass unsere adlige Gutsbesitzerfrau Johanne geb. von Kleist eine entfernte Verwandte des berühmten Dichters Heinrich von Kleist war. Allerdings dauerte die Ehe mit Joachim Kleist nur 2 Jahre, dann war sie Witwe, heiratete 1810 wieder, diesmal den Leutnant des Berliner Leib-Husaren-Regiments Friedrich von Sprenger (Springer?). Der war zu jener Zeit Erbherr von Schulzendorf. Die Eheleute haben hier wohl aber nur wenige Jahre gewohnt. Möglicherweise sind sie auf eines ihrer pommerschen Güter zurückgekehrt.

1813-1815   Freiheitskrieg und Friedensfest

Mit der Vertreibung der französischen Truppen und der Absetzung und Verbannung Napoleons endeten die Freiheitskriege zwischen 1813 und 1815. Heiligensee blieb von den Kämpfen weitestgehend verschont. In Kirchenakten befinden sich noch Drucksachen und Aufrufe, wonach die Bewohner aufgefordert waren, Haus und Hof mit allen zur Verfügung stehenden Geräten zu verteidigen. Dabei sollte das Glockengeläut und Gebet nicht vergessen werden. Dankgottesdienste wurden nach der für Preußen entscheidenden Völkerschlacht bei Leipzig im Oktober 1813 auch in Heiligensee abgehalten. In der Dorfkirche wurde 1815 auf königliche Anordnung eine Friedensfeier veranstaltet nach dem 2. Pariser Friedensschluss. Der Kirche wurde von der Gemeinde ein neuer Altar- und Kanzelbehang und ein gläserner Kronleuchter geschenkt. Nur ein Toter dieses Krieges war in Heiligensee zu beklagen. So wurde auch keine Tafel für Gefallene angebracht.

1817   Vakanz

Pfarrer Friedrich Wilhelm Bleibefromm Böhme war im August gestorben. Erst zwei Jahre später wurde die Stelle neu besetzt, auch, um der Witwe ein vorübergehendes Wohnen im Pfarrhaus mit ihren 7 Kindern zu ermöglichen. Nach 1817 begannen in Heiligensee Jahrzehnte des Friedens. Reformen wirkten sich aus: Abschaffung von Naturalabgaben und Dienstleistungen, Ermöglichung der Zuweisung von eigenem Ackerland. Erstmalig konnte ein wirtschaftlicher Aufschwung beobachtet werden.

1819-1825   Pfarrer Ferdinand Benicke

Im Frühjahr 1819 kam der 24-jährige frischgebackene Pfarrer Benicke nach Heiligensee. Er sorgte bereits kurz nach Dienstantritt für neue Tische und Bänke in der Dorfschule, schaffte Fibeln und Schultafeln an, dazu Baumgartens Kopfrechenbuch für Lehrer. Im Herbst fragte er bei der Behörde nach der Zuständigkeit für die Erhaltung und Verbesserung des Fährdammes an, da dieser oft überschwemmt und unpassierbar ist. Einige Tage später erhielt er Antwort aus Mühlenbeck, dass der Fährmann dafür zuständig sei, ihm aber die hohen Kosten nicht auferlegt werden könnten. Somit beschloss man auf guten Rat, bei Überschwemmungen von einer anderen Stelle zu passieren. Pfarrer Benicke war die kürzeste Zeit hier: er blieb nur 6 Jahre in Heiligensee. Er hatte hier eine Pfarrerstochter aus Lychen geheiratet. Nach der Geburt zweier Kinder bewarb er sich ins erträglichere Stolpe, wo er Superintendent wurde, später Oberpfarrer in Trebbin.

1820-1821   Die Weinprobe

Der junge Pfarrer Benicke und seine Kirchenältesten Löper und Lemke machten der Behörde Meldung über die schlechte Qualität des Weines, der zu Abendmahlszwecken aus Spandau gratis geliefert wurde. Die Beschwerde wurde zurückgewiesen und erst 20 Jahre später erhielt die Gemeinde das amtliche Zugeständnis. Die jährliche Gratislieferung wurde eingestellt. Jede Gemeinde konnte sich von nun an ihren Wein selbst aussuchen. Somit endete das Vermächtnis des Nonnenklosters und auch der Weinanbau bei Spandau. In der Franzosenzeit hatte man andere Weine kennen gelernt. Von märkischen Weinen sagte man nur noch: "Das beste an ihnen ist das Flaschenetikett."

1822   Ein Verkehrsunfall

Im November 1822 hören wir erstmalig von einem Straßenverkehrsunfall. Auf dem Weg von Tegel nach Berlin wurde der 69-jährige Schulzendorfer Tagearbeiter Ludwig Greiert überfahren. Über die Ursache gibt es nur Vermutungen. Die meisten Unfälle dieser Zeit verursachten betrunkene Kutscher.

1823   Stellmachermeister Christian Gottlieb Zergiebel

Um 1823 siedelte sich der Stellmacher Christian Gottlieb Zergiebel in Heiligensee an, der aus Tirol hierher gekommen war. Warum er nach Heiligensee kam, ist nicht bekannt. Hier lebte er sich schnell ein, war beliebt und geachtet. Sein erstes Kind wurde am 23.2.1823 geboren. Zur Taufanmeldung stellten sich 17 Paten zur Verfügung. Seine erste Frau starb nach 8 Jahren, seine zweite nach 3 Jahren an Schwindsucht, seine dritte Ehe dauerte 40 Jahre. 5 von 14 Kindern blieben am Leben. Mit weit über 80 Jahren starb er 1879 in Rosenthal, wo er sich zur Ruhe gesetzt hatte. Seinem Sohn überließ er die hiesige Werkstatt, der sie in seinem Sinne weiterführte.

1824   Seine Majestät der König war Pate

1824 wurde dem Heiligenseer Küster und Schullehrer Balthasar Kopp und seiner Frau Charlotte der 7. Sohn geboren. Er erhielt bei seiner Taufe den Namen "Carl Friedrich Wilhelm". Als Paten sind im Kirchenbuch eingetragen: "1. Seine Majestät der König...". König Friedrich Wilhelm III. hielt sich oft und gern in den Dörfern auf und konnte die lustigsten Gespräche führen, der, der sonst als wortkarg bekannt war. In Heiligensee wird er nie gewesen sein. Diese königliche Patenschaft war auf amtlichen Wege beantragt, die sicher mit einem Geldgeschenk verbunden war, was der Schulmeister gut gebrauchen konnte. Auch andere Kümmernisse plagten den Schullehrer. Die Schulstube im Küsterhaus war klein, das Schulgeld kam spärlich, das Holz reichte nie für den ganzen Winter zum Heizen, ihm wurde vorgeworfen, die Kinder nicht richtig zu Disziplin anzuhalten, nur wenige Kinder konnten schreiben und lesen. Dennoch blieb er über 50 Jahre im Dienst. 1852 starb er mit 83 Jahren. Seine Söhne wurden fleißige Handwerker, Tochter Caroline heiratete Stellmacher Zergiebel. Das königliche Patenkind jedoch starb ein Jahr nach seiner Geburt an Diphtherie.