Chronik 1773 - 1798

1773-1774   Es spukt nicht nur in Tegel

1774 wurde Pfarrer Johann Friedrich Neuland von drei Kerls auf dem Wege von Heiligensee nach Berlin in den Rehbergen überfallen. 17 Taler der Gemeindekasse wurden geraubt; dass war der Ertrag eines Jahres. Die Rückerstattung wurde dem Pfarrer von der Gemeinde gnädigst erlassen. 1772/73 wurde die alte Kirche in Hennigsdorf abgerissen und eine neue erbaut. In dieser Zeit gingen die Hennigsdorfer in den Gottesdienst nach Niederneuendorf. Es gab Beschwerden einiger Hennigsdorfer Kossäten, dass Pfarrer Neuland nicht bereit wäre, im Hennigsdorfer Krug zu predigen. Der Pfarrer blieb bei seiner Ablehnung: die Stille und Andacht seien im Krug nicht möglich durch ständig einkehrende "Herbergierende" und Bettler. 1776 bat Pfarrer Neuland um eine besser besoldete Pfarrstelle. Daraufhin erhielt er die echt "königlich-fritzische" Antwort: "Ein schlecht stehender Prediger wird nicht durch seine Bedürfnisse, sondern durch vorzügliche Verdienste berechtigt, seine Verbesserung zu erwarten."

1775-1776   Vom Pfarrer und Ernte, Wehmutter und Nachtwächter

Pfarrer Neuland erbat behördliche Nachhilfe beim Dammbau . Mit Erfolg erreichte er auch die Beseitigung anderer Missstände. Heiligensee bekam wieder eine Hebamme; die letzte war 1743 gestorben. Nach dreijähriger Vakanz erhielt der Ort wieder einen Nachtwächter, der wegen der Feuergefahr und diebischer Einbrüche notwendig war.

1777-1779   "Beym Fortsegeln ein Töchterlein aus dem Kahn gefallen..."

Mit dem Ausbau der Wasserverbindung zwischen Oder und Havel durch Friedrich den Großen kamen oft Segler mit ihren Lasten an Heiligensee vorbei, aus Schlesien, Hamburg, Polen, Stettin. Am 2.8.1779 wurde von Schiffern ein Mädchen gefunden und an Land gebracht. Am 4.8. wurde die Tochter, vermutlich eines Schiffers, in Heiligensee beerdigt. Name des Kindes und der Eltern sind unbekannt. Immer wieder forderten Havel und See Opfer, auch Heiligenseer Kinder. Aber auch Todesfälle durch Krankheiten, besonders bei Kindern, ließen vor allem 1778 zu einem Kindersterbejahr (durch Röteln) in Heiligensee werden. Jede Familie verlor ein oder zwei Kinder. Auch das Pfarrhaus blieb nicht verschont: Pfarrer Neuland starb 1777 die Frau, 3 Jahre später (2 Monate vor seinem eigenen Tod) erteilte er seinem einzigen Enkelkind die Nottaufe. Einige Bauern- und Kossätenfamilien brachten dennoch ihre Kinder glücklich durch diese Zeit. Der Schäfer Georg Neye verlor keines seiner Kinder. Aus dieser Zeit gehen aus dem Kirchenbuch Familiennamen hervor, die heute in Heiligensee noch zu finden sind: Neye/Neue, Kemnitz, Curt/Couth/Kurth.

1780-1781   "Und kurz vor dem Walde steckte der Postknecht seine Pfeife in die Tasche"

Johann Friedrich Bergemann war Königlicher Postillon zur Zeit Friedrich des Großen. Er unternahm eine Reise Richtung Norden auf der heutigen Ruppiner Chaussee mit der königlichen Postkutsche. Vom "Neuen Krug" (bei Tegel) weiterfahrend an der Baumschule vorbei stand ein Schild mit dem Verbot, dieser Landstraße zu weichen. Die Weiterfahrt durfte nur auf dem sogenannten Königsweg erfolgen. Der Postillon aber fuhr weiter, bis zur Linken an der Havel das Dorf Heiligensee und auf der Rechten am Wald passiert wurde. Im Wald war es unter Androhung von Strafe verboten zu rauchen. Alle anderen Verbote wurden missachtet, aber der Tabak blieb in der Tasche. Der "Neue Krug" ist heute der "Alte Fritz" (Ecke Karolinenstraße/Heiligenseer Straße). Damals führten zwei Wege von Tegel durch den Wald nach Neubrück und Hennigsdorf: einer für den preußischen König und sein Gefolge, der andere für die Bevölkerung. Friedrich der Große nahm den kürzeren und geraderen über die Ruppiner Chaussee, um noch ein Ruppiner Bier im "Neuen Krug" trinken zu können. 1781 verstarb der Heiligenseer Pfarrer Johann Friedrich Neuland. Sein Nachfolger wurde Pfarrer Johann Friedrich Protz. 1786 starb Friedrich der Große. Damit ging die ära des ruhmreichsten Preußenkönigs zu Ende. Die Jahre danach waren von der Französischen Revolution und Napoleons Eroberungszügen geprägt. Das Bibelwort wurde wieder eingeführt, das bei Taufen, Trauungen, Beerdigungen den Beteiligten mit auf den Weg gegeben und im Kirchenbuch eingetragen wurde.

1782-1803   Pfarrer Johannes Friedrich Protz

Pfarrer Johannes Friedrich Protz kam 1782 nach seiner Pfarrerausbildung 32-jährig nach Heiligensee. Er war ein Kaufmannssohn aus Mühlrose (bei Frankfurt/Oder). Er blieb unverheiratet. Seine einzige Schwester "Demoiselle Dorothea Henriette Protzin" führte seinen Haushalt und übernahm in der Gemeinde die Patenschaft für viele Heiligenseer Familien. Beide liebten ihre Eltern sehr. 1803 wurde der Pfarrer nach Tauche bei Beeskow versetzt. Nach 21 Heiligenseer und 4 Dienstjahren in Tauche starb er im Alter von 57 Jahren.

1783-1785   Heiligensee - ein Ochsen- und Gänsedorf

Der Boden in Heiligensee war sehr dürftig; man musste hart arbeiten, um dem Boden etwas abzuringen. Die Bauern mussten sich mit Kohlenschwelen über die Zeit helfen. Kein Mangel herrschte an Gänsen, Ochsen, Kühen und Schafen, die sich die Bauern hielten.

1786   Heiligenseer Patenschwemme

1786 stieg die Zahl der Patennamen auf das Doppelte pro Taufe. Vorher waren es fünf bis zehn, die die freundschaftlichen und verwandtschaftlichen Beziehungen der Heiligenseer Familien ersehen ließen. Die Friedensjahre sind wohl Grund für diese Eigentümlichkeit, das Vertrauen auf ein geordnetes erstarktes junges Staatswesen und die Hoffnung auf eine gute Zukunft unter Friedrich dem Großen. Trotz der Patenschwemme wurde dieses Patenamt auch ernst genommen. Die Täuflinge fanden neben den Eltern Halt, Hilfe und Rat für ihr Leben.

1786   Schneidermeister Andreas Haselow

Schneidermeister Andreas Haselow wirkte 34 Jahre, bis zu seinem Lebensende, in Heiligensee. Er siedelte 1786 aus Mecklenburg nach Heiligensee über, ohne seine Frau. Die kam erst ein Jahr später, schwanger von einem mecklenburgischen Kornschreiber. Der Schneidermeister hat seiner Frau vergeben und sie mit Kind in seinem Haus aufgenommen. In den folgenden Jahren hatte das Ehepaar noch weitere Kinder.

1789   Die Leiden des alten W.

Ein Fremder, ein 60-jähriger Hauptmann, versetzte Heiligensee 1789 durch seinen Selbstmord in Aufregung. Er ersäufte sich am 29. August 1789 im See bei den sogenannten Bombre-Bergen, wohl weil ihn zunehmende Beschwerden des Alters plagten, sein Regiment ihm keinen Halt gab.

1790   Von ausrangierten Soldaten, Waldunfällen und Bolles Schmerzensweg zur Charité.

Tödliche Unfälle bei Waldarbeiten treten gehäuft auf. Aber auch Kriegsveteranen, die an ihren Leiden "herumlaborieren", werden erwähnt. Offene Knochenbrüche z.B. führen durch Knochenbrand zum Tode. Grund für diesen Missstand und böse Erfahrungen in der Charité, in der dem Kossäten Bolle das Auge ausgestochen werden musste, ist vor allem die medizinische Unterversorgung Heiligensees. Hier gibt es keinen Arzt, in und um Heiligensee nicht.

1791-1795   Unruhige Zeiten

Weitere Hilfs- und Ruhelosigkeit versetzten die Heiligenseer in Not. Von mehreren Selbstmorden wird im Kirchenbuch berichtet. "Umherstreunende" Frauen (heute würden wir sie emanzipiert nennen) brachten hier ihre Kinder zur Welt. So war auch ein wenig von der Unruhe durch diese Notstände zu spüren, die ganz Europa 10 Jahre später durch Napoleon erschütterte.

1796-1797   Vorn rechts vom Altar saß sonntags der Tischlermeister Döring

Alteingesessene Bauern-, Kossäten oder Handwerkerfamilien hatten ihre festen Plätze in der Kirche meist in den vorderen Reihen. Zufällige Besucher saßen hinten, Kinder auf der Empore. In den Jahren um 1797 begann man, wie auch anderenorts, besonders bevorzugte Sitzplätze in der Kirche zu vermieten. Für einen Jahreszins von 8 Groschen war der erste, der davon Gebrauch machte, der Tischlermeister Conrad Döring. Danach war es lange Jahre der "Eigentümer" Jacobi, dann Martin Kurth, der die Jacobi-Witwe geheiratet hatte, später der zugezogene Schneidermeister Kemnitz. Bis 1932 zahlten die letzten den Kirchstuhlzins in Höhe von 50 Pfennig; das waren der Kossät Conrad und der Schneider und Handelsmann Vogel. Sie hatten ihren festen Platz in der Gemeinde unter Gottes Wort.

1797   Von den Unnerärdschen

An langen dunklen Abenden erzählte man sich auch in Heiligensee Sagen. Einige davon können Sie unter Sagenhaftes nachlesen. Die Angst vor Spuk und Geistern war vor 200 Jahren noch sehr groß.

1798   Die Ziekows

Die Heiligenseefähre wurde 1798 von Christian Barth verkauft. Das Jahrhundert der Barths endete, die seit 1700 als Fischer und Fährmänner hier ansässig waren. Die Nachfolger waren die Ziekows. Der Besitzer, der um 1800 die "Königliche Heiligenseer Fähre" betrieb, musste "Wasserzins" an die ämter Oranienburg, Mühlenbeck oder Spandau zahlen und hatte damit gleichzeitig das Fischereirecht auf der Havel mit "großem Netz". Die Bauern dagegen nur die "Fußwade" mit kleinem Netz; man durfte nur soweit fischen, wie man waten konnte. Und es gab noch den "Krebsgang", das Krebssammelrecht. Der Fährbetrieb wurde an weitere Generationen vergeben. Erst später finden sich Ziekow-Söhne in anderen Berufen wieder: sie sind Bäcker, Kossäten, Bauern und zugleich Schulvorsteher. .Jakob Ziekow war also der Stammvater aller Ziekows, als er 1798 den Fährbetrieb übernahm. Der letzte Betreiber war Ernst Ziekow, der die Fähre später verpachtete und aus dem kleinen Fischerhaus eine "Gastwirtschaft mit Hotelbetrieb" baute (Fährstraße 16). Damit hatte er trotz Ansturm der Berliner kein Glück. Zurückgezogen lebte er, das Ufer, das Fischen, die Welt seiner wendischen Vorfahren waren seine Welt.

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