Chronik 1728 - 1772

1728 - 1739   Pfarrer Vollrath Friedrich Ideler in Heiligensee

Pfarrer Ideler wurde im mecklenburgischen Demzin geboren. Sein Vater, Probst in Mecklenburg, gab seinem Sohn den Namen Vollrath aus der Zeit heraus, dem Streben seines Vaters nach Verbindung zwischen Geistlichem und weltlicher Vernunft. Vollrath Friedrich Ideler besuchte das Gymnasium und studierte in Rostock. Mit 22 Jahren wurde er in Berlin ordiniert. Er war zunächst Dorfprediger in Pankow (heute Berlin) und heiratete die dortige Pfarrerstochter Charlotte Luise Ideler (eine Verwandte). Im Alter von 30 Jahren übernahm er die Pfarrstelle in Heiligensee. 11 Jahre nur (von 1728 - 1739) blieb Pfarrer Ideler in Heiligensee. Es war eine Durchgangsstation in seiner Laufbahn. Andere Pfarrer waren hier 20 - 40 Jahre. 1739 wurde Pfarrer Ideler zum Superintendenten nach Perleberg berufen. Zwei seiner Söhne wurden Pfarrer. In seiner Heiligenseer Zeit sorgte er für eine enorme Bereicherung der Pfarrbücherei und hatte die Gemeindeangelegenheiten fest im Griff. Er unterstützte minderbemittelte Schulkinder auf "Consisterial-Anordnung", einer Anordnung Friedrich Wilhelm I., der als erster Landesfürst auch die Schulpflicht eingeführt hatte. Die ersten Dorfschullehrer in Heiligensee waren Handwerksmeister (Leineweber und Küster), die den Kindern das Lesen, Schreiben und Singen der Weihnachtslieder beibrachten.

1732 -1738   "Es soll ein reitender Kerl auf dem berlinischen Stadtweg gewesen seyn."

Zu dieser Zeit wohnten 14 Bauern und 7 Kossäten (Hilfsbauern) in Heiligensee. Es war die Zeit des Anbruchs neuer Denkweisen. Mit Einführung der Schulpflicht kamen die Menschen auch in Heiligensee zu mehr Wissen, Bildung, Selbstbewusstsein und Streben nach Höherem. Es gab eine höhere Geburtenrate, die bei 10 - 14 Kindern pro Jahr lag. Diese bekamen jetzt oft modische Namen, wie sie auch in Berlin und anderswo den Kindern gegeben wurden; z.B. wurde aus Sabine Charlotte jetzt Sabina Charlotta oder aus Luise jetzt Lovisa. Ab und zu wurden Berliner Paten, die zu den Taufen nach Heiligensee kamen. Eintragungen im Kirchenbuch lassen den französischen Einfluss erkennen: Herr Krausemann hieß jetzt Monsieur Krausemann und Fräulein Schultze hieß jetzt Demoiselle Schultze. Bauern und Kossätensöhne wurden zum Militär eingezogen. Manche Kinder wurden unehelich geboren. Die Mütter waren oft Mägde, Tagelöhnerinnen oder Bauerntöchter. Auf Anordnung des Soldatenkönigs waren Mütter unehelicher Kinder vor Beleidigung geschützt. Meist starben diese Kinder wenige Wochen nach der Geburt. Ihnen fehlte die Fürsorgepflicht oder die unbekannten Väter. 1733 gab Katharina Hamann bei der Taufanmeldung ihres Sohnes Johann Christian an, dass sie den Namen des Vaters nicht wisse. Im Taufbuch wurde eingetragen: "Es soll ein Kerl auf dem berlinischen Stadtweg gewesen seyn." 1732 betrachtete man die gelockerten Sitten mit aller Strenge. Für den Krüger Christian Lehmann wurde eine Geldstrafe verhängt, weil seine Frau sich mit der Tochter des Schulzen (=Amtsperson) geschlagen hatte. 1738 übernimmt der Schneider Andreas Dannenberg den Dorfkrug. Bier und Branntwein durfte damals nur aus Spandau bezogen werden. Andreas Dannenberg ist der Vorfahre der Bauernfamilie Dannenberg. Auf königliche Anordnung durften sie ihr Korn nur in der Tegeler Mühle mahlen lassen. Unter dem Soldatenkönig herrschte eine strenge Reglementierung. Die Heiligenseer behielten ihr eigenes Gepräge im Lauf der Jahrhunderte trotz Lockerung der Sitten und strengen Strafen, Reglementierungen und erweiterten Kreis der großen weiten Welt.

1739   Unser Dorf zwischen Havel und Sumpf

Die älteste erhaltene Landkarte von Heiligensee stammt aus dem Jahre 1739. Auf ihr wird der Inselcharakter besonders deutlich: Am Nordausgang finden wir einen breiten Sumpf vor mit einem Reisig- und Knüppeldamm, der hindurchführt. Im Süden gab es über den Verbindungsarm zwischen Heiligensee und Havel zeitweilig nur einen Steg oder eine wacklige Brücke. Die Wege zu den äckern außerhalb des Dorfes waren oft überschwemmt und unpassierbar. Überschwemmungsjahre waren oft auch dürftige Erntejahre. Die Heiligenseer waren die ärmsten Leute unter dem Amte Mühlenbeck. Trotzdem hielten die Heiligenseer zu ihrer Heimat.

1739 - 1781   Pfarrer Johann Friedrich Neuland

Die Amtszeit von Pfarrer Johann Friedrich Neuland war die Zeit von 1739 - 1781. Eine Besonderheit von ihm war, dass er eine Sanduhr neben sich auf die Kanzel stellte, während er predigte. War die Sanduhr abgelaufen, sollte auch seine Predigt zu Ende sein. 1742 wurde diese Sanduhr repariert. Mit seiner Frau wohnte er, wie bisher alle Pfarrfamilien, im Pfarrhaus (heute Kindergarten). Mit 73 Jahren starb er. Mit königlicher Urkunde wurde ihm bescheinigt "sein Amt mit allem Fleiße 43 Jahre, 2 Monate und 3 Tage verwaltet" zu haben.

1757   Vier Ellen Trauerlaken

Die Farben der Antependien sind grün, lila, schwarz und weiß. Je nach kirchlicher Jahreszeit wird damit die Altarwand geschmückt. Vor 200 Jahren war das noch nicht so. Das erste Antependium, ein schwarzes, leistete man sich in der Dorfkirchengemeinde 1757 für 6 Taler, das war die Hälfte des Jahresetats. Grund war wohl ein besonderer Anlass, wahrscheinlich auf höhere Anweisung. 1756/57 wird im Kirchenrechnungsbuch festgehalten: "4 Ellen Trauerlaken zur Bekleidung von Cantzel und Altar bey dem Absterben der in Gott ruhenden Königlichen Frau Mutter Majestät." Die Ehrung wurde der verstorbenen Mutter Friedrich des Großen am 28.06.1757 zuteil im Schloß Monbijou. Vermutlich war Landestrauer angesetzt. Damit gedachte man in Fürbitte der Königlichen Familie, aber auch der Bauern- und Kossätensöhne, die im Feldzug des 7-jährigen Krieges mitmachten (1756-63). 1760 besetzten russische Truppen Berlin. Schloss Tegel wurde geplündert und in Heiligensee die 4 Ellen Trauerlaken.

1764 - 1766   Das Ende der jahrhundertealten Wagenfähre

1764 war die Fährbrücke kriegsbeschädigt und somit der Fährverkehr zwischen Heiligensee und Neuendorf stillgelegt. Am 10.11.1766 wurde dies im "Intelligenzblatt" angezeigt, weil sich Heiligensee und Neuendorf über anstehende Reparaturkosten nicht einigen konnten. Die Fährkette sollte an den Meistbietenden verkauft werden. Die Versteigerung der 12 m langen und 5 m breiten Fähre, der Hauptverbindung des alten Pilgerweges und zwischen Berlin, Tegel und Hamburg verschwand. Der neue Hauptverkehrsweg führt 3 km nördlich über Neubrück. Nur bei Reparaturen der Hennigsdorfer Brücke wichen die Ruppiner Bierwagen oder die Hamburger Postkutsche auf die Heiligenseer Fähre aus. Mit der Versteigerung der Wagenfähre war auch dies nicht mehr möglich, sondern nur noch Personenbetrieb. Haupterwerbsquelle war von nun an die Fischerei.

1772   Von Teeröfen, Teerbrennern und Schulzendorf

Schulzendorf wurde 1772 gegründet, unweit der Gaststätte "Sommerlust" an der Ruppiner Chaussee im Wald, in früherer Zeit ein Teerofen (5-7 m hohes kegelförmiges Gebilde). Ein älterer stand bei Sandhausen. Diese Öfen wurden zur Gewinnung von Teer benutzt, in dem man Kiefernholz und -stubben erhitzte und zwar solange, bis Holzöl und schließlich Teer heraus floss. Ein Teil des Teeres befand sich in den Siedekesseln. Unter ständigem Rühren wurde es zu Pech, welches als Dichtungsmittel im Schiffsbau und zum Verpichen von Fässern verwandt wurde. Teer benutzte man zum Haltbarmachen von Schiffstauen und Fischernetzen und als Wagenschmiere.

Madame Wiesel und die Gründung von Schulzendorf

Mit Skepsis begegneten die Heiligenseer dem Entstehen des kleines Erbzinsgutes Schulzendorf eines Tegeler Forstbeamten am Teerofen an der Ruppiner Chaussee. Madame Wiesel war die treibende Kraft für die Entstehung Schulzendorfs. Das Besitztum wurde aus wenigen Gebäuden gegründet. Die Heiligenseer fürchteten die Ausweitung auf Heiligenseer Ackerland. 1750 pachtete der Tegeler Forstrat Schultze (Ehemann der später verwitweten Madame Wiesel) den Krug, der zum Teerofen an der Ruppiner Chaussee gehörte. 1752 genehmigte Friedrich der Große den Bau von 2 Arbeitshäusern zu je 4 Wohnungen auf eigene Kosten, gleich neben dem Krug. 1755 starb der Forstrat, seine Witwe setzte mit ihrem späteren Mann (Andreas Wiesel, Schifffahrts-Direktor) das begonnene Werk mit Erfolg fort. Teerofen wurde dazu gepachtet. Der Bau des Gutshauses mit einem 20 Morgen großen Gutsgarten erfolgte, nachdem Teerofen wegen Kein- und Stubbenmangel außer Betrieb gesetzt wurde. Am 6.7.1772 wurde die Fertigstellung mit Königlicher Gründungsurkunde von Friedrich dem Großen als Besitz über das Erbzinsgut "Schulzendorf" bestätigt. Das Gut hat sich auch später nicht auf Heiligenseer Ackerland ausgebreitet. Heute stehen nur noch einige Arbeitshäuser (Ruppiner Chaussee 139/141) und daneben der Krug "Sommerlust" (von 1882 bis heute Besitz der Familie Neye).

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