Brief des Bischofs

Brief des Bischofs
Veröffentlicht am Do., 5. Nov. 2020 13:13 Uhr
Corona_kirche_allgemein

Bischof Dr. Christian Stäblein wendet sich in der Wochenzeitung "DieKirche" (Nr. 45, 8.11.2020) mit einem Brief an alle Gemeinden:

Sehr geehrte Damen und Herren,
liebe Schwestern und Brüder!
Mein Gott macht meine Finsternis licht. (Psalm 18, 29)  
Die Losung vom ersten Tag in diesem November ist ein starkes Trostwort. Sie lädt mich ein, den ganzen 18. Psalm zu lesen. Er beginnt mit einem Loblied auf Gottes Festigkeit und Treue: „Gott, mein Fels, meine Burg, mein Erretter, mein Hort, auf den ich traue, mein Schild und Horn meines Heils und mein Schutz.“ Es ist ein Psalm voller Bilder, durchaus vertrauter Bilder, die in diesen Tagen neuen Klang bekommen. „Gott führt hinaus ins Weite“, heißt es da, und: „Mit meinem Gott kann ich über Mauern springen.“ Ich nehme mir vor, den 18. Psalm in den nächsten Wochen immer wieder zu lesen, gute Worte für den November.
In diesem Monat kommt es zu einem Teil-Lockdown. Nach oben schnellende Infektionszahlen haben die Bundes- und die Landesregierungen  zu dem Eingriff in unser aller Lebensgestaltung veranlasst. Das ist ein  schmerzhafter Einschnitt, der uns alle trifft, viele von uns aber besonders  hart.
Dabei mag es auf den ersten Blick in manchem leichter sein als im März  und April dieses Jahres. Wir sind schon Lockdown-erfahren, wissen viel  mehr über das Virus und seine Verbreitung, können andere und uns besser schützen. Andererseits, und das macht die Sache sehr viel schwerer:  Viele von uns sind erschöpft, das Jahr hat Kraft gekostet, der Lockdown  im Frühjahr. Im Sommer haben wir gehofft, dass es nicht noch einmal  so schwer werden würde. Wir haben viel Energie in Hygienekonzepte gesteckt – richtig so –, nun wiegt die Enttäuschung schwer, dass das alles  nicht ausgereicht hat, um das Virus zurückzudrängen.
Ja, es ist hart und mühsam auszuhalten, dass wir als Einzelne, als Gemeinschaft, als Gesellschaft, die wir doch so sehr darauf eingestellt sind,  die Dinge stets selber gestalten zu können, der Krankheit ausgeliefert  sind. Bei allem Einsatz, allen Forschungen und Vorbereitungen für einen  Impfstoff erfahren wir in diesem Jahr kollektiv, dass wir nicht Macherinnen und Macher von allem sind.
Dabei suche ich nach einem Umgang und nach Schritten, mit denen wir Maß und Mitte, eine gute Balance halten. In einer Situation, in der der Ton ruppiger wird und Aggressionen zunehmen, ist es wichtig, dass wir als Christinnen und Christen besonnen bleiben. Den Konflikt nicht anheizen, sondern für ein friedliches Miteinander werben, wo wir können.  Die einen wünschen sich mehr Protest gegen manche Maßnahme, die  jetzt schwer nachvollziehbar ist. Die anderen würden noch strengere   Eingriffe und Maßnahmen befürworten. Auch durch unsere Gemeinden,  Kirchenkreise und Gremien gehen diese Auseinandersetzungen um den  richtigen Weg. Eine gute Balance und ein von Respekt getragenes Beieinanderbleiben sind mir dabei sehr wichtig. Unsere kirchliche Aufgabe  ist aus meiner Sicht nicht, wie eine Art Lobby unserer selbst die eigenen  Rechte und Möglichkeiten bis an die Grenzen oder gar darüber hinaus  auszuloten. Wir sollten tun, was möglich ist, und lassen, was unnötig ist  oder Menschen gefährdet.
Unsere Aufgabe ist es zuerst, in der Zeit der Pandemie jenen eine Stimme zu geben, die schnell ungehört bleiben, die aus dem Blick geraten. Für Menschen da zu sein, die allein sind – das ist die Kraft der Gemeinden, die ja nichts anderes sind als ein Netzwerk der Nächstenliebe. Seelsorge ist selbstverständliche Mitte unseres Tuns. Kältehilfe gehört zu unserer Kultur, das gemeinsame Sorgen um und mit „Laib und Seele“. Niemand darf oder muss allein sterben, das haben wir im ersten Lockdown schmerzhaft gelernt und werden unsere Stimme erneut dafür laut  machen.
Dazu kommt in dieser zweiten Phase, dass Menschen noch stärker in Existenznot geraten: diejenigen, die in der Gastronomie, der Hotellerie oder in der Kultur tätig sind. Um nur einige zu nennen. Ihre Sorgen  dürfen wir nicht aus dem Blick verlieren, wir wollen erkennbar solidarisch sein, wo es möglich ist, um ihnen in dieser Krise beizustehen.
Ja, die Pandemie mit all ihren berechtigten Sorgen darf uns nicht dazu  verleiten, nur um uns selbst zu kreisen. Ich denke etwa an die Situation  der Geflüchteten auf Lesbos, die immer noch unerträglich ist.
Wir sind dankbar, dass wir in dieser Zeit in Gebet und Gottesdienst   zusammenkommen können. „Mein Gott macht meine Finsternis licht.“  Das gilt es zu feiern, zu sagen, weiterzutragen, darauf will ich hoffen und  daraus leben. Wir gestalten Gottesdienste in der besonnenen Weise von  Abstand und Hygieneregeln. Und wir gestalten sie auf allen Kanälen, die  uns möglich sind – analog und digital, im Rundfunk und im Stream.  „Mein Gott macht meine Finsternis licht“, diese Hoffnung soll nicht verborgen bleiben, für uns, für alle. Es ist die Hoffnung, die am Krankenbett, in der Quarantäne, in der Kita, der Schule und im gesellschaftlichen  Auftrag trägt.
Leicht, liebe Geschwister, ist das alles nicht, keine Frage, für uns alle nicht. Es wird nur gehen, wenn wir uns gegenseitig stärken. Mir ist das  Gebet besonders wichtig. Im Beten bekomme ich die Worte geschenkt,  die mein Vertrauen stark machen. Ich kann mein Leben in Gottes Hand  legen.
„Mein Gott macht meine Finsternis licht. Gott führt ins Weite, mit ihm kann ich über Mauern springen.“
Mit den Worten des 18. Psalms grüße ich Sie – bleiben Sie behütet
Ihr Christian Stäblein

Sie können den Brief auch  >>> hier ... als Pdf-Datei herunterladen.