Die Kirche zuhause lassen

Veröffentlicht am So., 24. Mai. 2020 18:36 Uhr
Aktuelles aus der Gemeinde

Jugendarbeit in Corona-Zeiten

In den letzten Monaten konnte ich mich schon ein wenig in Social Distancing und vor allem im Zuhausebleiben üben. Ich war in Elternzeit. Diejenigen, die Kinder bekommen haben, können sich vielleicht an diesen seltsamen Abschnitt des Lebens erinnern, der ein wenig aus der Zeit gefallen zu sein scheint. Die Lebenswelt verengt sich darauf, dieses kleine Wesen zu umsorgen, ihm zuzusehen, wie es rasant die eigenen Spiel- und Lebensräume erweitert und entdeckt. Nun bin ich aber ein Mensch, der sehr gerne in seinem Beruf arbeitet und, so geht es sicher vielen jungen Eltern; irgendwann ist der Punkt erreicht, wo es wieder mal was anderes geben muss, als Windeln wechseln, Fingerspiele spielen und auf dem Boden umherkrabbeln. Und weil ich das Glück habe, einen Partner zu haben, der sich mit mir die Sorgearbeit gerecht teilen will, war der Plan eigentlich, dass ich im März wieder in die Konfirmanden- und Jugendarbeit in Heiligensee einsteigen sollte, während er die nächsten Monate in Elternzeit sein würde.

Anfang März nahm ich also die Fäden wieder auf, aber für mehr als einige Gespräche mit Pfarrer Glatter und ein Treffen der Jungen Gemeinde im Stall blieb keine Zeit; da wurden Gruppen und Kreise schon ausgesetzt und der Lockdown kam. Zum Glück sind es ja gerade Jugendliche, die gut vernetzt sind und die sich leicht über Whatsapp und Co. erreichen lassen. Und so setzte ich meine Arbeit mit Online-Angeboten fort. Gemeinsam erstellten wir einen Instagram-Account und ich lud zu diversen österlichen Internetaktionen, wie den Online-Jugendkreuzweg und eine Live-Übertragung einer Auferstehungsfeier mit Osterfeuer ein. Am Anfang des Lockdowns war die Schwierigkeit tatsächlich, aus den vielen Angeboten das richtige auszuwählen, zu adaptieren und den Jugendlichen nahezubringen. Die Resonanz war unterschiedlich. Die Abiturient*innen hatten plötzlich keine Prüfungen mehr in Aussicht und unverhoffte Freizeit, andere hatten alle Hände voll zu tun, das Homeschooling hinzubekommen. Die berüchtigte Unverbindlichkeit von Jugendlichen gilt übrigens auch, wenn man ihnen Angebote direkt und unmittelbar aufs Smartphone sendet, sie also persönlich anspricht. Oft sendet man „in den Äther“ und muss darauf hoffen, dass die Nachrichten ankommen, denn Reaktionen bleiben aus oder kommen nur vereinzelt.

Nichtsdestotrotz finde ich die neuen Herausforderungen für meine Arbeit auch spannend: Angebote schaffen, die nicht örtlich gebunden sind, sondern unmittelbar in den Alltag von Menschen eintreten. Ich muss sozusagen die Kirche aus dem Dorf holen und es schaffen, dass junge Menschen sich zu Hause zwischen vielen anderen Möglichkeiten ihre Zeit zu gestalten, für einen Impuls via Youtube oder ein paar Denkanstöße auf Instagram entscheiden. Dafür müssen die Angebote aktuell, kurz und  auch wirklich visuell ansprechend und nach Möglichkeit einfach in den Alltag zu integrieren sein. Es macht mir Spaß, Möglichkeiten dafür zu finden. Was auch ein Vorteil der Kirche zu Hause ist, Online-Angebote lassen sich leichter teilen. Ideen entstehen in gemeinsamen Video-Konferenzen mit den Kolleg*innen aus Reinickendorf. Die eine probiert die Konfi-App aus, die andere nimmt einen Podcast für Kinder auf, der Dritte erstellt ein Konzept für ein gemeinsames Abendmahl über Videochat. Und wir können diese Angebote leicht teilen und auch den jeweils anderen Jugendgruppen mit nur wenig Anpassung zugänglich machen. Ich wünsche mir, dass dieser Austausch auch dann so fruchtbar bleibt, wenn Veranstaltungen vor Ort wieder möglich sind, und wir mehr miteinander entwickeln und auch voneinander nutzen können. Schwieriger ist allerdings das Schaffen von Gemeinschaft. Onlinecommunity ist leider kein Ersatz für echtes Treffen, echtes Zusammensein und sich Gegenüberstehen. Gerade weil ich seit über einem Jahr die Jugendlichen nicht mehr gesehen habe und keinen Konfirmandenunterricht oder JG gehalten habe, würde ich mich freuen, sie alle mal wiederzusehen. Außerdem gibt es das Problem, dass viele vielleicht meine Nachrichten lesen, das Feedback darauf aber ausbleibt. Erreiche ich sie wirklich? Das kann ich gerade nicht einschätzen. Allerdings hoffe ich, dass bald und vor allem draußen im gemütlichen Gemeindegarten Zusammenkünfte wieder möglich sein werden und ich dann vielleicht auch diejenigen wiedersehen kann, die mit den Onlineangeboten nicht so richtig zu fassen sind. Wenn ich auf die letzten Wochen zurückblicke, dann war das eine herausfordernde Zeit, aber auch eine Zeit mit Chancen für kreative neue Zugänge und Wege Kirche und Gemeinschaft neu zu denken und zu erfahren, mit einem Teamgeist, den wir uns unbedingt erhalten sollten, auch wenn Angebote jetzt langsam wieder in gewohnter Weise stattfinden können und es natürlich bequem wäre, wenn wir einfach alles in die alten Bahnen lenken könnten.

Julia Berkoben



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